“Die Tropen. Ansichten von der Mitte der Weltkugel” im Martin-Gropius-Bau

Ab dem 12. September zeigt der Martin-Gropius-Bau in Berlin Mitte eine außergewöhnliche Ausstellung, die sich mit zeitgenössischer Kunst aus den Tropen befasst. Erstmals werden Werke aus den Sammlungen des Ethnologischen Museums Berlin, die weltweit zu den bedeutendsten gehören, Arbeiten von 22 zeitgenössischen Künstlern aus Südamerika, Europa, Afrika und Asien gegenübergestellt. In sechs Kapiteln werden Natur und Landschaft, Menschenbilder, Farben und Klänge der Tropen, aber auch Macht und Konflikte sowie das städtische Drama aus dem Blick des Künstlers beleuchtet.

Die Ausstellung Die Tropen – Ansichten von der Mitte der Weltkugel unternimmt fast zwanzig Jahre nach der wegweisenden Schau „Les Magiciens de la Terre“ abermals den Versuch, in spannungsreichen Zeiten die Energieströme und feinen Störungen zwischen den Hemisphären aufzuspüren, um zu erraten, welche kulturellen Kräfte zusammen und welche gegeneinander wirken. Die Ausstellung war bereits in Brasilia und Rio de Janeiro zu sehen. Die Tropen – diese physisch nicht wahrnehmbare Linie ist in Wirklichkeit eine einschneidende Grenze, an der sich Lebensgefühl, Naturbetrachtung und Kunstauffassung grundlegend verändern. Sie sind immer auch eine europäische Projektion, ein Gegenbild zu europäischen Selbstbildern von Selbstdisziplin, Effizienz, technischem Fortschritt und Aufklärung. Aspekte dieses Klischees finden sich in allegorischen Darstellungen der Kontinente mit tropischen Regionen in der Kunst des europäischen Barock, im exotischen Bild der klassischen Moderne von der Südsee und Afrikas, bis hin zur zeitgenössischen Touristik-Werbung mit Sonne, Palmen und Strand. Die Bilder von tropischer Üppigkeit, von hemmungslosem Wachstum der Natur, aber auch tropischer Städte und von laxer Moral ihrer Bewohner haben wenig oder nichts mit der Realität dieser Weltgegend zu tun. Inmitten einer überreichen Natur sind die Bewohner jedoch, wirtschaftlich betrachtet, nicht selten ausgesprochen arm.

Doch gerade in dieser Weltregion haben sich Gewohnheiten, Arbeitsweisen und Produktionsformen im Laufe der Jahrhunderte am wenigsten verändert und folgen, allen Globalisierungstendenzen zum Trotz, ihrem eigenen, von der Natur vorgegebenen Tempo. Die Tropen sind ein Ort, wo Paradies und Hölle in enger Nachbarschaft wohnen, wo verschwenderische Pracht und bitterste Not zu Hause sind, wo blühende Phantasie und Trostlosigkeit sich im magischen Realismus paaren, Maßlosigkeit und Langeweile einander ablösen. Nirgends ist der Mensch näher am Leben, aber auch näher am Tod. Natur, Lebensart und Kultur der Tropen in all ihren magischen und konfliktträchtigen Ausformungen bilden einen Rohstoff von ungeahntem Potential und eine reichhaltige Fundgrube für zeitgenössische künstlerische Arbeit. Die Ausstellung schlägt zum ersten Mal eine Brücke zwischen Werken, die in vormoderner Zeit entstanden, und zeitgenössischen Positionen. Zweihundert Exponate aus Afrika, Asien, Ozeanien und dem tropischen Amerika aus den Sammlungen des Ethnologischen Museums in Berlin, die weltweit zu den wichtigsten gehören, treten in einen Dialog mit Werken von vierzig zeitgenössischen Künstlern aus Süd- und Nordamerika, Europa, Afrika, Asien und Australien. Alte und neue Kunst finden räumlich zusammen. In der zeitgenössischen Kunst reichen die Sujets von Indonesien bis Kuba, von Westafrika bis Brasilien. Da es sich um eine Kunstausstellung handelt, wurden auch die älteren Werke in erster Linie nach ästhetischen Kriterien ausgewählt. Generell geht es um eine Re-Ästhetisierung der Tropen, die dazu beitragen soll, angesichts der übermächtigen politischen und ökonomischen Diskurse das kulturelle Gewicht der tropischen Naturräume in die Waagschale zu werfen.

Diese Re-Ästhetisierung – das Ziel dieser Ausstellung – setzt durchaus an den Tropen als europäischem Konstrukt an, versucht aber zugleich, dies zu verdeutlichen und dieses Konstrukt als Gegenstand des Diskurses über die Tropen zu reflektieren.

Diese inhärente Ambivalenz zeigt sich in den verschiedenen Ansätzen der drei Kuratoren: Alfons Hug zeigt nicht nur Werke von zeitgenössischen Künstlern aus den Tropen, sondern bezieht auch Werke von Künstlern ein, die nicht aus den Tropen stammen, diese aber zum Thema machen. Viola König gruppiert Objekte innerhalb des Themas „Farben und Klänge der Tropen“ und ermöglicht so, Gemeinsamkeiten bestimmter Aspekte der Kunst aus den Tropen nachzugehen. Der von Peter Junge verfolgte Ansatz ist dagegen eher positivistisch. Die Kunstwerke in den drei, von ihm kuratierten Themenbereichen sind Beispiele für verschiedene Formen der Kunst, deren Gemeinsamkeit zunächst nur darin besteht, dass sie Kulturen zugeordnet sind, die dem geografisch definierten Bereich der Tropen angehören.

Die Ausstellung ist auch eine Etappe auf dem Weg zum Humboldt-Forum, das künftig in der Mitte Berlins die außereuropäischen Kulturen zu einem Zwiegespräch mit den Meisterwerken Europas einladen will. Was in der königlichen Kunstkammer vor 175 Jahren bereits angedeutet wurde, nämlich aufgeklärte Weltkenntnis und Weltkompetenz, soll nun im Rahmen des größten Universalmuseums der Welt vollendet werden. Seine überragenden Sammlungen machen aus Berlin eine „tropische“
Metropole.