IN GRENZEN FREI Mode, Fotografie, Underground in der DDR 1979-89

„IN GRENZEN FREI“ ist die erste Bestandsaufnahme einer subkulturellen Modebewegung in der DDR. Anhand von Fotografien, Modellen, Videos, Dia-Projektionen und Publikationen wird diese Bestandsaufnahme im Kontext der offiziellen DDR-Mode präsentiert. Im internationalen Maßstab ist dies eine Geschichte der Mode in Zeiten der Diktatur.

Die Dissidenz der Mode-Subkultur in der DDR bezog sich sicher in erster Linie auf die Modepolitik von „HO“ und „KONSUM“. Diese beiden staatlichen Handelsketten produzierten „Mode nach Plan“. Das Angebot an Textilien für die eigene Bevölkerung zeichnete sich meist durch billige Stoffe, billige Verarbeitung und durch einen billigen „Chic“ aus. Die DDRKonfektion funktionierte in Stückzahlen, nicht aber über Kategorien wie Qualität. Der Mentalität einer textilen Massenfertigung durch eine an Quantität ausgerichteten Textilindustrie, entsprach es, dass die Entwürfe der Mode- und Textilgestalter nach ihrer Umsetzung meist nicht wieder zuerkennen waren und nach nicht selten zehn staatlichen Entscheidungsebenen auch nichts mehr mit den Bedürfnissen der Käufer zu tun hatten.

Eine Subkultur lässt sich am besten darstellen, wenn man sie in ein Verhältnis zu der etablierten Kultur stellt, von der sie sich abzusetzen sucht. Das ist im Falle der Modewelt DDR ein anspruchsvolles Unterfangen. Die Ausstellung setzt eine Subkultur in Szene, welche die DDR-Jugendmode der „HO“ nicht zur Kenntnis nahm. Im Umkehrschluss ist die offizielle DDR-Mode als Ganzes jedoch nicht einfach an einem Mangel an Rohstoffen, Kreativität und Sinnlichkeit festzumachen. Innerhalb ihrer Grenzen, etwa im Umfeld der Modezeitschrift „Sibylle“, gab es durchaus Tendenzen, dem Einheitslook Individualität entgegenzusetzen. In diesen Tendenzen lag eine Schnittstelle zur Underground-Modeszene. Eine ganz direkte Verbindung bestand darin, dass die Modesubkultur von bekannten Fotografen inszeniert, begleitet und dokumentiert wurde. Einige dieser Fotografen arbeiteten für die „Sibylle“ und waren somit Teil des DDR-Modebetriebs wie auch Chronisten einer alternativ agierenden Szene.

„IN GRENZEN FREI“ setzt das Portrait einer Mode-Subkultur in Beziehung zur offiziellen Mode-Kultur. Die Ausstellung ist aber zugleich ein Portrait vieler Fotografinnen und Fotografen, welche beide Mode- Welten ins Bild setzten. Die Vielschichtigkeit dieser Fotografie ist einmalig. Ausgestellt werden unter anderem Fotografien von Tina Bara, Hartmut Beil, Sibylle Bergemann, Michael Biedowicz, Harald Hauswald, Jürgen Hohmuth, Ute Mahler, Werner Mahler, Sven Marquardt, Roger Melis, Helga Paris, Robert Paris und Frieda von Wild.

„New York ist dort, wo wir sind!“, so drückte es damals eine der jungen Underground-Designerinnen aus. Die DDR war für sie nur noch bedingt existent bzw. Realität. Die Mode-Subkultur nahm sich die Freiheit bevor diese durch den Fall der Mauer manifest wurde. Das Design der Underground-Modeszene widersprach den ästhetischen Standards einer sozialistischen Massenproduktion und griff die Idee des Unikats auf. Die so entstandene Mode entzog sich der praktischen Anwendbarkeit auf den DDR-Alltag. Dem Pathos der Macht und ihrer Parolen setzten junge Menschen das Pathos der Romantik oder die ironische Umwidmung sozialistischer Symbole zu Dekorations- und Modeaccessoires entgegen. Die Mode-Subkultur und deren provozierende Inszenierungen gaben der Jugend eine Individualität und Sinnlichkeit zurück, die den Einheitslook der Jugendmodekaufhäuser ad absurdum führte. Verschiedene Gruppen wie „chic, charmant und dauerhaft“ (ccd), „Allerleirauh“, „Omelette Surprise“, „stattgespräch“, „Larifari“ oder „anstandslos“ kreierten eine Mode, die von ihrem individuellen Lebensstil nicht zu trennen war und präsentierten ihre Kollektionen in eigener Regie und in unabhängigen organisatorischen Strukturen.

Der kreative Kern der Szene bestand beinahe ausschließlich aus Frauen. Es gab wohl kaum eine Jugendszene, die derart von Frauen initiiert wurde. Dies setzt die Performance und Underground-Modeszene wesentlich von anderen Jugendszenen in der DDR ab.

Auf den politischen Akt der Selbstbestimmung und Eigeninitiative folgten, als logische Konsequenz, die Verbote aufzutreten, Verhinderungsbemühungen sowie spätere Vereinnahmungsstrategien durch die Staatssicherheit. Die Staatssicherheit sah sich mit einer Gegenkultur konfrontiert, die dem aufrechten FDJ-ler eine Sinnlichkeit entgegensetzte, mit der die Funktionäre nicht umzugehen wussten, und die sie deshalb massiv beargwöhnten.

Mode in der DDR war, wie andere Ereignisfelder auch, nie frei von einer politischen Dimension. Underground- und offizielles Design, beide Modewelten waren Parallelwelten, deren Kollektionen aus demselben Bedürfnis nach Individualität im DDR-Kollektiv entstanden. Bewegten sich die einen in Grenzen frei, so testeten die anderen die Grenzen eines kaputten Systems.

Realisiert wurde die Ausstellung durch SUBstitut in Zusammenarbeit mit dem Kunstgewerbemuseum Berlin und den Kuratoren Michael Boehlke, Henryk Gericke, Grit Seymour und Frieda von Wild. Die Ausstellung wurde von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur finanziell gefördert.

IN GRENZEN FREI
Mode, Fotografie, Underground in der DDR 1979-89
4. Juli bis 13. September 2009
Vernissage: 3. Juli 2009
Kunstgewerbemuseum – Staatliche Museen zu Berlin
Kulturforum Potsdamer Platz
Matthäikirchplatz, 10758 Berlin
Tel. 030 – 266 42 4301