HELMUT NEWTON: SUMO Museum für Fotografie

Mit SUMO präsentiert die Helmut Newton Stiftung das wohl spektakulärste und teuerste Photobuchprojekt aller Zeiten, das vor zehn Jahren auf den Buchmarkt kam. Der Kölner Verleger Benedikt Taschen überzeugte seinerzeit Helmut Newton, ein gigantisches Buch in einer Auflage von 10.000 Exemplaren zu produzieren, die alle vom Photographen signiert wurden. Die außergewöhnliche Publikation wurde mit einem eigens von Philippe Starck entworfenen Buchständer ausgeliefert. Nun werden erstmals die 394 Bilder des Buches sowie Memorabilia in Berlin ausgestellt, um das zehnjährige Jubiläum des inzwischen vergriffenen und in Sammlerkreisen hoch begehrten Photobuches zu feiern. Anlässlich dieser Präsentation erscheint im Taschen-Verlag eine verkleinerte und überarbeitete Version für den regulären Buchhandel.

Parallel zu SUMO werden in der Ausstellung “Three Boys from Pasadena” ausgewählte Werke von Mark Arbeit, George Holz und Just Loomis gezeigt, die Ende der 1970er Jahre am Art Center College of Design in Pasadena studierten und später Newtons Assistenten wurden. Im Videoraum der Helmut Newton Stiftung wird parallel zur Ausstellung der Film SUMO von Julian Benedikt ausgestrahlt.

Museum für Fotografie/Helmut Newton Stiftung
Jebensstr. 2, 10623 Berlin-Charlottenburg.
Die Ausstellung wird vom 4.6.2009 bis 31.1.2010 gezeigt.
Eröffnung der Ausstellung Mi 03.6.2009, um 20 Uhr

Three Boys from Pasadena
Mark Arbeit - Gorge Holz - Just Loomis
Das Photobuch erfährt seit einigen Jahren eine besondere Wertschätzung, nicht zuletzt durch Martin Parrs „The Photobook: A History“, in dem ungewöhnliche Photopublikationen vorgestellt werden. Immer mehr Sammler widmen sich diesem neuen Sammelgebiet, und einige Photobücher werden inzwischen für Schwindel erregende Summen gehandelt. Auf den Photomessen zwischen Paris und New York treten immer mehr Photobuchhändler auf, die die besonders wertvollen Publikationen anbieten.

Eines der herausragenden Photobücher des letzten Jahrzehnts ist Helmut Newtons SUMO, erschienen 1999 im Posterformat 70 x 50 cm, mit 464 Seiten und einem Gewicht von 30 kg. Benedikt Taschen überzeugte seinerzeit den Photographen, mit ihm dieses verlegerische Wagnis einzugehen; es wurde ein Riesenerfolg. Phillip Starck entwarf einen metallenen Ständer für die außergewöhnliche Publikation, die in einer Auflage von 10.000 Exemplaren, alle von Newton signiert, auf den Buchmarkt kam. Der Verkaufspreis entsprach dem Format und der Exklusivität des Photobuches. So konnten es sich nur gutbetuchte Newton-Enthusiasten leisten, so dass das Buch selbst legendär und der genaue Inhalt vergleichsweise unbekannt blieb.

Knapp 400 Photographien, seinerzeit teilweise unveröffentlicht, bildeten eine Essenz des Newton’schen Werkes. Dieser hatte sein erstes, damals bereits preisgekröntes Photobuch mit dem Titel „White Women“ 1976 herausgebracht, es folgten zahlreiche Bildbände mit deskriptiv-eindeutigen Titeln, etwa 1981 „Big Nudes“, mit einer Auflage von über 100.000 Exemplaren Newtons erfolgreichstes Buch, oder 1984 „World without Men“. Etwas später, zwischen 1987 und 1995, gab Helmut Newton in unregelmäßiger Abfolge sogar ein eigenes Magazin namens „Helmut Newton’s Illustrated“ heraus, in dem er seine jeweils neuesten Bilder publizierte.

Doch erst mit SUMO sprengte das Gespann Newton/Taschen alles bisher Dagewesene auf dem Bereich des Photobuchs. Bücher in dieser Größe gab es in der Geschichte des Buches und des Buchdrucks zugegebenermaßen schon früher, allen voran Bibeln und Stundenbücher, Atlanten und später, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch illustrierte Reiseberichte mit einmontierten großformatigen Originalabzügen.

Mit der Präsentation aller Motive des Buches – teilweise in Form gerahmter Buchseiten, also gewissermaßen 1:1, teilweise als Originalphotographien in Schwarz-Weiß und Farbe – sowie einiger Aufnahmen von dessen aufwendiger Produktion und glamouröser Präsentation wird die einmalige Geschichte des SUMO nachgezeichnet. Wir sehen Mode- und Aktaufnahmen, Porträts und Werbebilder aus mehreren Jahrzehnten in nahezu gleichberechtigter Stellung nebeneinander ausgebreitet. Einige dieser Bilder tauchten auch in anderen Newton-Publikationen auf, andere wurden hier erstmals publiziert – und werden nun auch erstmals ausgestellt. In dieser „Best of“-Auswahl fehlt kein Aspekt des Newton’schen Werkes; seine Porträts etwa sind höchst individuell: formatfüllend und im Anschnitt sehen wir das Gesicht von Debra Winger, mit stoischem Blick und halbnacktem Oberkörper steht dagegen David Bowie am Strand von Monte Carlo, und Liz Taylor wiederum badet vor Newtons Kamera im Pool, einen grünen Papagei in der Hand. Das exklusiv-exzentrische Leben der Schönen und Reichen mit all seinen erotischen wie kulinarischen Ausschweifungen hat Newton visuell begleitet. Und dabei bediente und hinterfragte er zugleich die Klischees.

Um das Werk und die mitunter heftigen Reaktionen darauf richtig beurteilen zu können, sollte man sich stets die Zeitumstände und die seinerzeit herrschenden gesellschaftlichen Konventionen vergegenwärtigen. Erst dann offenbart sich die Brisanz und Provokation mancher Bilder. Wenn sich beispielsweise in den frühen 1970er Jahren zwei Frauen, die eine nackt, die andere im Smoking, leidenschaftlich küssen, war dies ein offensiver Angriff auf die öffentlichen Sitten. Seit dieser Zeit hat Newton bekanntlich immer wieder subtil oder radikal Nacktheit in die Mode- und Produktphotographie eingeschummelt.

Das Ausloten von Grenzen sowie deren Aushebelung und Überschreitung gehört zu den Markenzeichen des Photographen, stets im Kampf gegen die von ihm verachtete, traditionelle Vorstellung von „gutem Geschmack“. In der Reduzierung auf einen schwarzen, hochhackigen Damenschuh oder eine Frauenhand mit fetten Fingern, die gierig nach Dollarnoten greifen, beides in Nahansicht, gelangen Newton unvergleichliche Symbolbilder. Helmut Newtons stilbildendes Werk bleibt singulär und unerreicht. Und spätestens beim Blättern im SUMO fällt auf, wie viele Ikonen der Photogeschichte Newton geschaffen hat.

Wie bereits in früheren Ausstellungen der Helmut Newton Stiftung wird auch diesmal – parallel zu SUMO – das Werk von Newtons Wegbegleitern präsentiert. Mark Arbeit, George Holz und Just Loomis waren Studenten am Design College im kalifonischen Pasadena, als Newton sie Ende der 1970er Jahre kennen lernte, später assistierten sie ihm immer wieder. Die drei wurden nun von June Newton eingeladen, in einer ersten gemeinsamen Ausstellung jeweils eine Auswahl aus ihrem eigenen photographischen Werk zu präsentieren; ergänzt wird dies durch so genannte Memorabilia, in denen
auch die persönliche Nähe und jahrzehntelange Freundschaft zu Helmut und June Newton sichtbar wird.

Mark Arbeits Bilder sind teilweise formal sehr ungewöhnlich. Mit seinen phototechnischen Experimenten, gewissermaßen aufgeklappte Polaroids, die vergrößert auf einem Photopapier belichtet sind, zeigt er auch die andere, schattenartige Seite des photographischen Bildes - und deren Entstehung. Damit und in seinen Bildcollagen mit afrikanischer Stammeskunst rekurriert er auf experimentelle Phasen in der Geschichte der Aktphotographie, etwa im Surrealismus. In einer anderen Werkgruppe präsentiert er Aktmodelle in Pariser Künstlerateliers. Die französischen Aktmaler und –malerinnen selbst sind abwesend und werden nur über ihre Werke auf den Staffeleien und an den Wänden repräsentiert. Im Studio befinden sich stattdessen Aktmodelle, die die Gemälde durch ihre Anwesenheit medial paraphrasieren.

George Holz photographiert neben den Aufträgen, berühmte Schauspieler oder Musiker zu portraitieren, unter ihnen Brad Pitt, Angelina Jolie oder Madonna, in seiner freien Arbeit mit Vorliebe ebenfalls Frauen, nackt und lebensgroß, in Innenräumen oder im Freien. Gelegentlich sind die Bilder so stilisiert, als handele es sich um film stills aus frühen Fritz Lang-Filmen, andere kommen ohne zusätzliche Accessoires aus, etwa das Modell Rachele, das sich an einem Pool in Hollywood rekelt. Häufig existiert in seinen Bildern eine reziproke Anziehungskraft der Geschlechter, die auch die Idee einer Naturverbundenheit transportiert bis hin zu einer geradezu mystischen Verschmelzung von Mensch und Natur. Holz interessiert hier eine zeitlose, natürliche Nacktheit, gelegentlich mit raffinierten Schattenwürfen oder Veränderungen der Körperoberflächen.

Just Loomis schließlich wählt den unmittelbaren, ungeschönten Blick ins amerikanische Alltagsleben. Teils Schwarz-Weiß, teils in Farbe sehen wir in die Gesichter von jungen Kellnerinnen, Skateboardern oder Passanten, die unbeteiligt und gleichzeitig ungekünstelt zurückschauen. Neben der Auftragsphotographie für Zeitschriften in den Bereichen Mode oder Porträt, entstehen immer wieder auch freie Projekte und Bilder, etwa backstage im Modebusiness oder unterwegs – wie nun in der Helmut Newton Stiftung vorgestellt. Hier scheint kaum etwas inszeniert, es sind intensive visuelle Begegnungen mit Unbekannten. Loomis’ zeitlos-zeitgenössische Porträts spielen mit der Schönheit und Banalität des Augenblicks.